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Quelle:
"Film-Dienst 24/98": Alles Operette!
Autor Michael Wenk |
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allein die Tatsache, daß ein Mensch das wahrhaft biblische
Alter von 100 Jahren erreicht, ist ein Grund zum Staunen.
Heißt dieser Mensch Johannes Heesters und zählt seit
über 60 Jahren zu den populärsten Schauspielern
des Landes, bleibt es nicht beim respektvollen Innehalten.
Eine Gratulationscour sondergleichen ist dem Doyen des deutschen
Films sicher. Frack, Zylinder und weißen Seidenschal - seine
Markenzeichen - läßt er am liebsten Zuhause, und auch
eine ausschweifende Geburtstagsparty im von Heesters oft besungenen
Pariser Restaurant "Maxim´s" ( ein Ort, an dem "Jopie" erstmals
in jenen Jahren speiste, die man bei einem Mann als die "besten"
bezeichnet) ist eher unwahrscheinlich. Während der Jubilar
anläßlich von Gala-Auftritten mit seiner Paraderolle
des noch im hohen Alter vitalen Lebemannes selbstironisch
kokettiert, hält der Privatmann Heesters gern Distanz
zu den mit ihm in Verbindung gebrachten Rollenklischees. Derlei
persönliche Zurückhaltung steht in Gegensatz zu
jenen Ingredienzen, die den Erfolg der Heesters-Filme ausmachen:
Mit Eleganz, Charme und Gesang bezauberte der Leinwandstar
Generationen eines vor allem weiblichen Publikums, dies meist
als Protagonist einer Operettenhandlung und eingebettet in
das Studiosystem einer Traumfabrik wie der Ufa. Seine Revue-
und Gesangsauftritte im gleißenden Rampenlicht gerieten dabei
so eindrucksvoll, daß den Leistungen des Schauspielers Heesters
oft weniger Aufmerksamkeit zuteil wurde. Sein künstlerisches
Selbstverständnis weist hingegen andere Akzente auf.
Versteht sich Heesters doch als Schauspieler, der auch singen
kann. |
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| Am
5. Dezember 1903 im niederländischen Amersfoort geboren,
absolvierte Heesters eine Banklehre, danach eine Gesangs-
und Schauspielerausbildung, und trat an Sprechbühnen
in Amsterdam, Den Haag, Brüssel und Rotterdam auf. Bereits
zu Stummfilmzeiten erhielt er sein erstes Engagement für
die niederländische Produktion "Cirque Hollandais" (1924).
Das Filmdebüt des später als feuriger Liebhaber
besetzten Heesters sollte sich allerdings zu einer reichlich
brenzligen Angelegenheit entwickeln: Ein Studiobrand vernichtete
den bereits fertigen film, der daraufhin ein zweites Mal gedreht
werden mußte. Erst zehn Jahre später, in Richard Oswalds
Kleine-Leute-Komödie "Bleeke Bet" (1934), konnte Heesters
seine Filmarbeit fortsetzen und darin, der Tonfilm machte
es mittlerweile möglich, seine Begabung als Sänger
auch auf der Leinwand unter Beweis stellen. Das Operettenfach
war zum zweiten beruflichenStandbein geworden, Heesters´Tenor
nun auch im deutschsprachigen Ausland gefragt. Engagements
führten ihn 1934 an die Volksoper Wien und 1935 an die
Komische Oper, das Metropol-Theater und den Admiralspalast
in Berlin. "Alles Walzer!" hieß es in Musikerkreisen, kurz
bevor Melodien à la Johann Strauß oder Joseph Lanner erklangen.
"Alles Operette!" müßte das abgewandelte Motto im Falle
Heesters lauten, steht sein Name doch für die deutsche
Filmoperette sowie den Revuefilm der 30er und 40er Jahre.
Geriete man in die Lage, einem ausländischen Cineasten
das Phänomen Heesters beschreiben zu wollen, suchte man
wohl Zuflucht in einen Vergleich mit Maurice Chevalier und
Fred Astaire. Mit Chevalier hat Heesters den Ruf des Gentleman
mit grauen Schläfen gemein, und nicht zuletzt seine über
750 Bühnenauftritte als Honoré in dem Musical "Gigi"
beweisen eine Artverwandtschaft beider Künstler. Astaires
vom seinerzeit aufkommenden Musicals beeinflußte Produktionen
dienten als Vorbild für deutsche Revuefilme, verbanden
Tanz, Gesang, eine Love Story und eine Reihe skuriller Randfiguren
miteinander. Im deutschen Film war man Mitte der 30er Jahre
noch ganz im Bann der Operette. So begann die Zusammenarbeit
zwischen Heesters und der Ufa auch mit einer Verfilmung von
Carl Millöckers "Der bettelstudent" (1936), in deren
Titelrille Heesters zwei Jahre zuvor in Wien brilliert hatte.
Sein imposantes Äußeres und sein Gardemaß prädestinierten
ihn für die Rolle als fescher Leutnant von Arnegg in
Detlef Siercks "Das Hofkonzert" ( 1936) und immer wieder für
den Part incognito agierender Edelmänner wie in Georg
Jacobys "Gsparone" (1937) oder Herbert Maischs "Nanon" (1938).
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| Kurz
vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wandelte sich die Strategie
der deutschen Filmindustrie: Um der amerikanischen Konkurrenz Paroli
zu bieten, schwenkte man um auf die Produktion einheimischer Revuefilme.
Und fand ausgerechnet zu einer Zeit, als Deutschland sich vor kulturellen
Einflüssen anderer Nationen systematisch abschottete, in dem
Niederländer Heesters, der Schwedin Zarah Leander oder der
Ungarin Marika Rökk, adäquate Interpreten des auf heimische
Verhältnisse zugeschnittenen Filmgenres. "Hallo Janine" (1939)
hieß eine jener Verwechslungskomödien, in der Heesters einen
Grafen spielt und von einem Revuegirl ( Marika Rökk ) zur Strafe
für seine amourösen Eskapaden in eine Liebesfalle gelockt
wird. Waren Heesters und Rökk bereits in "Der Bettelstudent"
und "Gasparone" Filmpartner, galten beide fortan als Traumpaar des
deutschen Revuefilms. Eine Auseinandersetzung um die ungleiche Verteilung
von Gesangsnummern in "Hallo Janine" soll übrigens Grund dafür
gewesen sein, daß Heesters und Rökk bis in die 50er Jahre getrennte
Wege gingen. In "Immer nur Du" (1941), ein Film, der in Anlehnung
an seinen berühmten Schlager auch den Alternativtitel "Man
müßte Klavier spielen können" erhielt, zeigt Heesters
einen Hang zur Selbstironie, spielt er doch mit seiner Partnerin
Dora Komar eine konkurrierendes Sängerehepaar, das private
wie berufliche Zwistigkeiten bevorzugt in musikalischer Form austrägt.
Bisher war fast ausschließlich vom Musikfilmstar die Rede.Viktor
Tourjanskys "Illusion" ( 1941 ) zeigt, daßHeesters auch im Charakterfach
eine gute, wenn auch damals seltene Besetzung war. Hier ist es ausnahmsweise
eine Frau (Brigitte Horney ), die mit den Gefühlen des von
Heesters dargestellten Protagonisten spielt und ihre Liebe zum Gegenstand
einer Wette macht. Sieht man von seiner physischen Präsenz
ab, was machen rückblickend Ausstrahlung und Popularität
von Johannes Heesters aus? Seine Tochter Nicole, ebenfalls Schauspielerin,
hat dazu in einem Fernsehinterview etwas sehr Schönes, Treffendes
gesagt: Es sei seine Ausstrahlung charakterlicher Sauberkeit, die
Heesters zum Publikumsliebling gemacht habe. Tatsächlich haben
Negativfiguren wie der zynische Karrierist Georges Duroy in Louis
Daquins "Bel ami, der Frauenheld von Paris" ( 1954/55 ) Seltenheitswert
bei Heesters. Sagt es da nicht eine Menge über Ehrgeiz und
Ziele dieses Schauspielers aus, daß er einen gewissenlosen Dandy
wie "Bel ami " als Lieblingsrolle bezeichnet, und nicht etwa Graf
Danilo aus Lehárs "Lustiger Witwe", den "Graf von Luxembourg" oder
gar Millöckers "Bettelstudent"? Obwohl unzählige Male
in musikalischen Komödien und Lustspielen zu sehen, galt Heesters
doch nie als Komiker. Die pikante Salonkomödie französischer
Provenienz war eher sein Fach, ebenso das trockene Unterspielen
komischer Situationen. Waren kräftige humoristische Töne
gefragt, traten Partner wie Hans Moser ("Rosen in Tirol", 1940 ),
Theo Lingen ("Es fing so harmlos an", 1943/44 ) oder Paul Kemp auf
den Plan. Jene Qualitäten, die Heesters zum Filmstar gemacht
hatten, kamen ihm speziell nach Kriegsende zugute. Nie hat er sich
einseitig auf die Filmarbeit festgelegt, unternahm parallel Tourneen
mit Friedrich Schröders "Hochzeitsnacht im Paradies" oder Emmerich
Kálmáns "Gräfin Mariza" ( eine Operette, die Heesters 1938
mit einem Ensemble aus jüdischen Emigranten in den Niederlanden
aufgeführt hatte ). So hatte die Bühne dem fulminanten
Herzensbrecher alles in allem auch reizvollere Möglichkeiten
zu bieten als das deutsch-österreichische Nachkriegskino. Frei
nach dem Motto "Sie küßten und sie schlugen sich" tat sich
Heesters mit dem "ungarischen Wirbelwind" Marika Rökk erneut
zu Produktionen wie "Die Czardasfürstin" (1951 ), "Die geschiedene
Frau " ( 1953 ) oder "Bühne frei für Marika" (1958 ) zusammen.Operetten-
wie Revuefilm als Terrain beider Stars waren jedoch inzwischen von
Musical, Rock´n Roll und Jazz überholt worden. Eine Entwicklung,
die den endgültigen Übertritt von Heesters ins Fach des "Père
noble" motivierte. |
| Weniger
bekannt ist, daß Heesters in einer Hollywood-Produktion mitgewirkt
hat, inszeniert und produziert von Otto Preminger: in "Die
Jungfrau auf dem Dach " (1953 ) , der deutschsprachigen Version
der New Yorker Komödie "The Moon Is Blue" mit William
Holden, Maggie McNamara und David Niven (letzterer in der
parallel von Heesters verkörperten Rolle als Freund eines
virilen Jungarchitekten). Nicht zu vergessen seine Darstellung
des Komponisten Franz von Suppé in der Filmbiografie "Hab
ich nur Deine Liebe" ( 1953 ) oder "Viktor und Viktoria" (1957
), eine Remake von Reinhold Schünzels Travestiekomödie
mit Johanna von Koczian und Heesters in den Fußstapfen von
Renate Müller und Hermann Thimig. 1961 war vorläufig
Schluß mit der Filmarbeit. Mit seinem Partner Carl-Heinz Schroth
lieferte sich Heesters in dem Fernsehspiel "Sonny Boys" (1982
) einen Schlagabtausch zweier verfeindeter Broadway-Komiker,
die gegen Ende ihres Lebens noch einmal gemeinsam auftreten
sollen, und parodierte nach 24jähriger Leinwandabstinenz
als eleganter Bettler in "Otto - der Film" (1985) seine Paraderolle
des Grafen Danilo. Im respektablen Alter von über 90
Jahren hat der wohl haltbarste Holland-Export nochmals zu
einer multimedialen Karriere angesetzt. Sei es als gefeierter
Stargast opulent ausgestatteter Fernsehshows, als Sympathieträger
in Werbespots für eine Kette von Elektromärkten
oder im Mittelpunkt von Curth Flatows Boulevardkomödie
"Ein gesegnetes Alter". Über fünf Jahre, bis zum
Sommer 2001, spielte Heesters darin einen rüstigen Senioren,
der mit List, grimmigen Witz und unterstützt von einer
couragierten Studentin (gespielt von Simone Rethel, seiner
Ehefrau) eine scharfe Klinge gegen Miethaie und Erbschleicher
führt. Eigentlich sei er, der zum Zeitpunkt der Premiere
bereits stolze 92 Lenze zählte, für die Hauptrolle
eines gerade einmal 90jährigen eine glatte Fehlbesetzung,
so der augenzwinkernde Kommentar des agilen Altstars. "Ich
möchte 100 Jahre werden, ohne Beschwerden..." lautet
denn auch die Textzeile eines Heesters-Couplets, die am 5.12.2003
wahr wurde... |
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