19. Juli 2012:

Trotz umfangreichen Briefwechsels zwischen dem Axel Springer-Verlag und Familie Heesters gelang es nicht, eine beiderseitige Akzeptanz zu dem u.a. Thema zu erzielen. Ein einerseits mit einem hohen Ehrenpreis ausgezeichnetes Lebenswerk und eine stark persönlichkeitsverletzende Berichterstattung aus dem gleichen Verlagshaus andererseits, passt nicht mit dem Selbstverständnis der Familie Heesters zusammen. Aus diesem Grund wurde die GOLDENE KAMERA LEBENSWERK von Johannes Heesters an Frau Dr. h.c. Friede Springer zurückgegeben.

 

05. April 2012:

Zitat eines Sprechers des Axel-Springer-Verlags aufgrund der Reaktion von Familie Heesters:

".. man könne bei "BILD" die Vorwürfe nicht nachvollziehen. Die Berichterstattung sei journalistisch sachlich gewesen, habe das Lebenswerk von Heesters nicht infrage gestellt und ihn auch nicht in die Nähe der Nazis gerückt. „Bild“ habe lediglich Fakten aus den Akten des Bundesarchivs wiedergegeben sowie die steigenden Gagen von Heesters während der Nazi-Zeit dokumentiert..."

Zur Klarstellung, sowie im Zusammenhang mit der Reaktion der Familie Heesters auf den Originalbericht, der die o.g. Stellungnahme des Springer - Verlages nach Auffassung der Familie keinesfalls sachlich wiedergibt, hier die Veröffentlichung vom 28.03.2012:

 

04.April 2012:

Brief von Simone Rethel-Heesters an BILD Chefredakteur Kai Diekmann und stellvertretende Aufsitzsratsvorsitzende Dr. h.c. Friede Springer zur Rückgabe der GOLDENEN KAMERA "Ehrenpreis Lebenswerk" an Johannes Heesters im Jahr 2002:

Stellungnahme zur Berichterstattung vom 28.03.2012 in der BILD – Zeitung:
„So machten die Nazis Johannes Heesters reich“

Starnberg, den 03.04.2012

Sehr geehrter Herr Diekmann,

dieser o. g. Artikel über meinen, vor drei Monaten verstorbenen Mann, Johannes Heesters und seiner angeblichen Nähe zu den Führern des Nationalsozialismus während des zweiten Weltkrieges, ist eine journalistische Schmiererei auf unterstem Niveau und in dieser Form noch nie dagewesen!

Obwohl es mir persönlich zutiefst wiederstrebt, auf Berichte dieser Art zu reagieren, sehe ich es als meine Pflicht an, auch aus Achtung gegenüber dem Lebenswerk meines Mannes, auf diese Berichterstattung einzugehen. Die gewählten Zitate sind Schlussfolgerungen aus der angeblichen Recherche des Autors im Bundesarchiv und sollen dem Leser suggerieren, dass sich Johannes Heesters maßgeblich am Leid des Krieges bereichert hat...

„DIE NAZIS MACHTEN JOPIE REICH!“ – „ JE FURCHTBARER DER KRIEG TOBTE, DESTO MEHR HAT ER VERDIENT“ – „ ALS MILLIONEN AUF DEM SCHLACHTFELD UND IN TODESLAGERN STARBEN, ERHIELT ER EINE MINDESTGAGE VON 40000 RM PRO FILM“ – "HEESTERS„ DER IN EINER "ARISIERTEN" VILLA IN BERLIN WOHNTE..." -"HEESTERS WAR FREIWILLIG TEIL DER NS-PROPAGANDA“ – „HEESTERS-FAN ADOLF HITLER HATTE STEUERERLEICHTERUNGEN ERLASSEN“ – „SEINE SCHREIBEN ENDEN ALLE MIT „HEIL HITLER“ (Originalzitate BILD, 28.03.2012)

Tatsache ist: DIES IST ALLES NICHTS NEUES!

Die Zitate sind hier nur bewusst zu einem irreführenden Kontext zusammengeführt worden. Mit jeder einzelnen Schlagzeile, des Artikels des Herrn John Puthen-Purackal haben sich Historiker, Fachjournalisten und Anwälte in den letzten 60 Jahren bereits intensiv und sehr gründlich beschäftigt:

Keinerlei neue Recherche - beide erwähnten Briefe waren in der Ausstellung: "Johannes Heesters - Auf den Spuren eines Phänomens", (Aug - Okt 2006) in der in der "Akademie der Künste" in Berlin veröffentlicht. Obendrein hatte Johannes Heesters diese Ausstellung selbst mit eröffnet!

GEGENDARSTELLLUNG UND FAKTEN:

(Originalzitat BILD, 28.03.2012)DIE NAZIS MACHTEN JOPIE REICH!“:

Falsch recherchiert von Herrn Puthen-Purackal! Hier die Liste der erwähnten Schauspieler mit den richtigen Jahreszahlen!

(Originalzitat BILD, 28.03.2012): "...die Liste bezieht sich nur auf das Jahr 1939!"

GEORGE
1940 Jud Süß: 50000 RM
ALBERS
1943 Münchausen: 120000 RM
LEANDER
1942 Die große Liebe: 150000 RM
BERGMANN
1942 (USA) Casablanca: 50000 RM - (dies ist ein amerikanischer Antikriegsfilm! und die Gage in "Reichsmark" ausgezahlt - einfach lächerlich!)
GRÜNDGENS
1938 Der Tanz auf dem Vulkan: 80000 RM
RÜHMANN
1944 Die Feuerzangenbowle: 70000 RM
(Nur Rökk, Forst und Tschechowa - die einzigen drei Treffer!)
FORST/TSCHECHOWA
1939 Bel Ami: 70000 RM+40000 RM
RÖKK
1939 Es war eine rauschende Ballnacht
HEESTERS
1955 Bel Ami 28000 RM (wieder falsch!)

Hinzu kommt, dass Herr Puthen-Purackal absolut keine Ahnung von der Materie hat. Wenn man die Filmgagen von Heesters mit denen, der wirklichen Spitzenverdiener (Albers, Rühmann, Paula Wessely, Zarah Leander etc.) vergleicht, rangierte er immer nur im unteren Mittelfeld.

(Originalzitat BILD, 28.03.2012) "Warum diese Gagensprünge?"

Dass Heesters bei seinem ersten Film nur 6000 RM verdient hatte und später mehr verdiente, ist eine logische Folge des Erfolgs, wie es in dieser, aber auch in anderen Branchen üblich ist.

Im Auszug des abgedruckten Beschäftigungs-Nachweises geht eindeutig hervor, dass sich die Gagen von Heesters meistens um die10000 RM bis 16000 RM bzw. 18000 RM beliefen. Die, der genannten Kollegen waren zum Teil um das 10 bis 12 fache höher! Die Aussage "Spitzenverdiener" ist folglich falsch.

Mit Ihrem Artikel erwecken Sie den Eindruck und suggerieren Ihren Lesern: Heesters hat den (angeblichen) Reichtum aus der Nazizeit mit in die Nachkriegszeit genommen. Um noch eins drauf zu setzen, erschien dann am darauffolgenden Tag, dem 29.3.2012 in der Bildzeitung der Artikel:

(Originalzitat BILD, 28.03.2012)"Heesters-Villa wird nicht verkauft!"

- in den Köpfen der Leser soll der Eindruck entstehen: "die Heesters-Villa von dem Nazi-Geld..."

1948 wurde bei der Währungsreform das Geld der Bürger, das nach dem Kriegsende verdient wurde, zum Kurs von 1:10 umgetauscht (nicht 1: 1 bzw. 1: 2, wie 1990). Das Geld aus den letzten Kriegsmonaten, dürfte in den Elends Hungerjahren der Nachkriegszeit schnell verbraucht gewesen sein. Am Ende des II. Weltkrieges haben alle Menschen praktisch bei "Null" angefangen.

(Originalzitat BILD, 28.03.2012)JE FURCHTBARER DER KRIEG TOBTE, DESTO MEHR HAT ER VERDIENT“ und „ ALS MILLIONEN AUF DEM SCHLACHTFELD UND IN TODESLAGERN STARBEN, ERHIELT ER EINE MINDESTGAGE VON 40000 RM PRO FILM":

Diese Sätze können nur in schärfster Weise zurückgewiesen werden! Den Zusammenhang zwischen einer künstlerischen Arbeit oder der Person Johannes Heesters in Verbindung mit Todeslagern und Schlachtfeld zu bringen, grenzt an Rufmord! Es entbehrt jeglicher Vorstellung, wie ein Zusammenhang herzustellen ist, zwischen einer Film-Gage und Kriegsopfern, quasi je mehr Menschen starben, desto reicher wurde Heesters und somit hat er alle Opfer „auf dem Gewissen“. Die Suggestion dieser Zeilen ist eine gefährliche Verzerrung meines demokratischen Verständnisses.

"HEESTERS, DER IN EINER "ARISIERTEN" VILLA IN BERLIN WOHNTE..."

Ein Vorwurf, der so nicht stehen bleiben darf! Dieses Thema hatte der Autor und Historiker Jürgen Trimborn in der Biografie "Der Herr im Frack", (erschienen im Aufbau Verlag 2003) äußerst sorgfältig recherchiert. Man kann Heesters definitiv keinen Vorwurf machen. Er hatte sich nicht an jüdischem Besitz bereichert (wie z. B. Arno Breker mehrfach). Die Bezeichnung "in einer „arisierten“ Villa zu wohnen", trifft nur dann zu, wenn der Bewohner davon profitiert hätte, also sich die Villa für einen viel zu niedrigen Preis oder gar ohne Gegenleistung unter den Nagel gerissen hätte - und dies war im Fall "Heesters" definitiv nicht der Fall.

Korrekte Recherchen ergaben:

1. die jüdischen Vorbesitzer wanderten aus
2. die Nazis arisierten die Villa
3. da die Besitzer die Staatsangehörigkeit eines anderen Staates erhielten, wurde die Arisierung rückgängig gemacht und der jüdischen Familie zurückerstattet

Er hat dort zur Miete gewohnt und zudem auf Vermittlung einer gemeinsamen jüdischen Freundin der Familie, Stella Stierhout, die mit den nach New York und später nach Honduras emigrierten Vermietern, bekannt war. Stella Stierhout machte Heesters auf die freigewordene Wohnung aufmerksam. Die jüdischen Besitzer blieben die Eigentümer des Hauses, also die Vermieter von Johannes Heesters. Demzufolge wohnte Johannes Heesters nicht in einer arisierten Villa.

Wie gesagt, Jürgen Trimborn hatte damals aufwendig recherchiert.

Im Übrigen möchte ich hierzu noch erwähnen, dass mein Mann im Jahr 2000 auf Anfrage der Autorin und Journalistin Melissa Müller,(Biografie: Anne Frank, Biographie: Traudl Junge) ohne jegliches Zögern alle Vollmachten für Ihre Recherche gegeben hat, um in sämtlichen Archiven Deutschlands, Österreichs und Hollands Einsicht nehmen zu können über sein Verhalten während des dritten Reichs . Melissa Müller plante damals ein Buchprojekt: "Künstler im dritten Reich".

(Originalzitat BILD, 28.03.2012)„HEESTERS WAR FREIWILLIG TEIL DER NS-PROPAGANDA“:

Freiwillig mit Sicherheit nicht!
Als Heesters mit seiner Famile1934 von Holland nach Österreich und 1936 nach Deutschland kam, konnte er nicht absehen, welches Inferno sich in nächster Zukunft abspielen würde. Geschichte ist so leicht aus der heutigen Zeit zu beurteilen. Später konnte er nicht mehr nach Holland zurückkehren, denn sein Heimatland war von den Deutschen besetzt. Nach Amerika auszuwandern, wäre für ihn als Holländer, mit einem Beruf, der sich durch Sprache definiert, aussichtslos gewesen. Heesters sprach kein Englisch.

Die immer wieder behauptete Nähe Heesters´ zu den Nazis begründet sich allein in der Tatsache, dass er in dieser Zeit gearbeitet hat und Filme drehte. So wie tausende von Schauspielern, Kameraleuten, Tontechnikern, Drehbuchautoren und Kostümbildner dieses Metiers seinerzeit. Heesters hat seinen Beruf von 1921 bis 2011 ausgeübt. Zeitlebens bediente er das gleiche Genre, in Kriegszeiten nicht anders als vorher oder nachher. So könnte man all seinen Theater- und Filmproduktionen "NS-Propaganda" vorwerfen. Außerdem sollten wir die Millionen Menschen nicht vergessen, denen in schwierigsten Tagen ihres Lebens diese Filme ein wenig Hoffnung geben konnten.

Johannes Heesters hat sich dem Regime gegenüber nachweislich stets distanziert verhalten.

Rolf Hochhuth schrieb in seinem Nachruf, BZ 26.12.2011(Originalzitat)

...Die Generation der Enkel, stets glückverdummt, weil niemals solchen Anfechtungen ausgesetzt, urteilt fahrlässig, weil meist ohne jede Kenntnis, welchen Gefahren sich z.B. Heesters, wie alle prominenten Zeitgenossen, einer Diktatur ausgesetzt hätte, würde er sich seiner Benutzung durch das
Verbrecher-Regime erwehrt haben. Wie hätte Heesters eine Weigerung, auch vor Hitler aufzutreten, begründen sollen – ohne am nächsten Tag in Dachau als Häftling eingeliefert zu werden? Doch so war das immer in der Geschichte: Niemals selber in Versuchung geratene Generationen, wenn die überhaupt noch an das denken, was Vätern in Kriegen zugestoßen ist, verurteilen sie mit der Selbstgerechtigkeit der total Ahnungslosen. Heesters war moralisch einwandfrei, trotz größter Versuchungen.

Vor allem aber auch politisch nicht käuflich, obgleich er sein Vermögen in Deutschland machte. Es ist kein Satz von ihm überliefert, den Hitlers Propaganda-Trompeter Goebbels als Nazi-Reklame hätte missbrauchen können! Das ist sehr viel – als Beweis für die Integrität dieses Weltstars...“

AUSZUG DES BRIEFS AN GOEBBELS MIT ORGINALUNTERSCHRIFT: (Originalzitat BILD, 28.03.2012) HEIL HITLER UND „SEINE SCHREIBEN ENDEN ALLE MIT „HEIL HITLER“:

Jeder, der sich mit der Nazigeschichte ein wenig beschäftigt, weiß, dass Niemand zwischen 1933 und 1945 einen Brief an eine offizielle Stelle hätte schreiben und diese Formel weglassen können. Lächerlich... Hätte Heesters nicht mit "Heil Hitler" unterzeichnet, drohte mindestens Gefängnisstrafe. Diese Formulierung in Zeiten der Angst, war jedem Briefverfasser völlig unzweifelhaft, denn man wollte ja sein persönliches Anliegen vortragen. In dem Brief von Heesters an Goebbels 1942 geht es darum, dass er sich bemüht hatte, weniger Theater spielen zu müssen, dafür mehr Filmrollen drehen zu können und er bat vor allem aus gesundheitlichen Gründen, nicht Beides gleichzeitig machen zu müssen. Dahinter verbarg sich sein alleiniges Bemühen, die Familie aus dem Luftkriegs-Berlin nach Wien und Prag in Sicherheit bringen zu können, da dorthin die Filmproduktionen ausgelagert waren.

Mein Mann war Zeit Lebens stolz und froh, als Holländer den persönlichen Hitlergruß nie verwendet haben zu müssen. Der Autor stellt es allerdings so dar, dass mein Mann in „…allen Schreiben…“ so gegrüßt hat. Das ist die Unwahrheit – denn es sind nur zwei Briefe dieser Art bekannt. Von vielen Kollegen meines Mannes sind diese Bittbriefe an Hitler veröffentlicht, jeder Brief trägt diese Fußnote.

Ich denke, wenn Sie die Inhalte und deren Erklärung dazu den Lesern deutlich gemacht hätten, würde man die eigentliche Dramatik der Hilflosigkeit erkennen. Sie stempeln jedoch Heesters ab, und suggerieren ein billiges, folgsames Anbiedern eines raffsüchtigen Künstlers.

(Originalzitat BILD, 28.03.2012)„HEESTERS-FAN ADOLF HITLER HATTE STEUERERLEICHTERUNGEN ERLASSEN“:

Auch hier wird mit gleicher Dummheit dem Leser suggeriert, dass Heesters und Hitler offenbar in gemütlicher Runde Steuererleichterungen beschlossen hätten! Ebenfalls eine Zusammenführung von absurden Gedanken, die die Persönlichkeit von Johannes Heesters stark beschädigen.

In weiteren Berichterstattungen, die sich nun auf diesen BILD – Bericht beziehen, wird zudem von "astronomischen" Gagen geschrieben (FOCUS ONLINE). Es wird behauptet, Heesters hätte im KZ Dachau 1941 gesungen (NTV ONLINE). Ebenfalls eine Behauptung, die nicht belegt ist. Dazu hat mein Mann im Jahre 2009 von sich einen Rechtsstreit veranlasst, um diesen wiederkehrenden Behauptungen ein Ende zu setzen. Es konnte nicht bewiesen werden, dass er dort auftrat. Dies ist ein unstreitiger Fakt!

Sehr geehrter Herr Diekmann,

abgesehen von der Pietätlosigkeit solch eines Artikels, brauche ich nicht besonders zu erwähnen, dass die gesamte Familie meines Mannes und ich tief verletzt sind. In den letzten Wochen, als mein Mann im Dezember 2011 im Krankenhaus lag, war es Ihre Redaktion, die unbedingt „Das letzte Foto...“ verbreiten musste, um danach mit schmachtenden Lettern wie „Jopie, du schaffst es“, usw. auf die Tränendrüse zu drücken. Auch hier können Sie sich denken, dass diese Berichterstattung nicht im Sinne der Familie war. Wir haben alles schweigend hingenommen. Mit diesem aktuellen Bericht sind Sie nun eindeutig zu weit gegangen! Diesen posthumen Rufmord hat Johannes Heesters, dessen Wirken nicht nur die Kriegsjahre dauerte (!!!), nicht verdient. Wir versuchen momentan, das künstlerische Erbe, wie z. B. einen „Johannes Heesters-Preis“ für Nachwuchskünstler ins Leben zu rufen, oder in einer Johannes Heesters – Stiftung zu bewahren und jungen Menschen, die dies Genre erlernen, Hilfe zu geben. Unsere Gespräche mit Institutionen und Entscheidern in diesem Anliegen, haben nun einen starken Schatten bekommen, der unser Vorhaben nahezu unmöglich macht. Diese schamlose Berichterstattung hat niemandem geholfen, außer Ihrer Auflage.

Sie haben damit genau das zerstört, wofür ihn Ihr eigener Axel Springer Verlag im Jahre 2002 ausgezeichnet hat: Die goldene Kamera „Lebenswerk“.

Als symbolisches Zeichen unserer persönlichen Missachtung gegenüber Ihrem Verlag und zum Schutz des Lebenswerkes meines Mannes, haben wir uns, die gesamte Familie und ich entschlossen, die Goldene Kamera für sein Lebenswerk in den nächsten Tagen an Ihren Verlag zurückschicken. In der Hoffnung, dass mit diesen sensiblen Themen des 2. Weltkrieges, mit Beschuldigungen von Kolleginnen und Kollegen meines verstorbenen Mannes, sowie mit indirekten Beschuldigten aller in einer Diktatur arbeitenden Menschen, anders umgegangen wird.

Hochachtungsvoll

Simone Rethel-Heesters

P.S.: Diesen Brief erhält parallel Frau Friede Springer und er wird auf unserer Webseite komplett veröffentlicht. Von redaktionellen Rückfragen an unsere Familie bitten wir abzusehen.


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Pressestimmen zum Tod von Johannes Heesters:

Rolf Hochhuth: REQIUEM AUF JOHANNES HEESTERS, BZ 27.12.2011

Heesters – ein Mensch und ein Jahrhundert. So nennt seine 2. Frau, Simone Rethel-Heesters, den albumschweren Bildband im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, den sie vor wenigen Jahren ihrem Mann gewidmet hat, betextet von Beatrix Ross – heute ein Erinnerungswerk ersten Ranges! Könnte man den Wert eines Lebens daran messen – vielleicht sollte man das! – wie viel Freude für Mitmenschen von ihm ausging, dann war Johannes Heesters, der 108 wurde, der Einzigartige, der nie von anderen erreichte Weltmeister. Noch 2010 vermochte der große Holländer in meinem Musical „Inselkomödie“ den König im Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm so zu verkörpern, dass die Besucher sehr gerührt waren, als Heesters seine traurige Elegie auf das Altern sprach...

Gab es überhaupt je einen Film- und Bühnenstar, dem geglückt wäre, noch mit 107 auf der Bühne zu stehen? Ich weiß von keinem.

Heesters hat mehr als 1600 Mal in Franz Lehárs nie totzukriegender „Lustige Witwe“ den Grafen Danilo gespielt. Erstmals 1938, zum letzen Mal 1972. Dass auch Hitler einige dieser Vorstellungen besuchte – wie vermutlich jeder musikliebende Berliner – wurde nach 1945 Heesters vor allem in seinem niederländischen Vaterland auf geradezu idiotische Weise „angekreidet“ ; ja in seiner Heimat jahrelang mit Auftrittsverbot bestraft – so albern, als würde man den Wagners in Bayreuth das Festspielhaus zugemacht haben, weil Hitler dorthin jedes Jahr zu den Festspielen fuhr. Ebenso hing man Heesters geradezu als Kriegsverbrechen an, dass er angeblich einmal im KZ Dachau gesungen hätte, was bis heute nicht bewiesen werden konnte. Die Generation der Enkel, stets glückverdummt, weil niemals solchen Anfechtungen ausgesetzt, urteilt fahrlässig, weil meist ohne jede Kenntnis, welchen Gefahren sich z.B. Heesters, wie alle prominenten Zeitgenossen, einer Diktatur ausgesetzt hätte, würde er sich seiner Benutzung durch das Verbrecher-Regime erwehrt haben. Wie hätte Heesters eine Weigerung, auch vor Hitler aufzutreten, begründen sollen – ohne am nächsten Tag in Dachau als Häftling eingeliefert zu werden? Doch so war das immer in der Geschichte: Niemals selber in Versuchung geratene Generationen, wenn die überhaupt noch an das denken, was Vätern in Kriegen zugestoßen ist, verurteilen sie mit der Selbstgerechtigkeit der total Ahnungslosen.

Heesters war moralisch einwandfrei, vielleicht treu sogar als Ehemann, trotz größter Versuchungen. Vor allem aber auch politisch nicht käuflich, obgleich er sein Vermögen in Deutschland machte. Es ist kein Satz von ihm überliefert, den Hitlers Propaganda-Trompeter Goebbels als Nazi-Reklame hätte missbrauchen können! Das ist sehr viel – als Beweis für die Integrität dieses Weltstars. Ich vermute, allein Heesters Ausrede, als holländischer Bürger und Untertan der Königin Wilhelmine, nicht deutsche Propaganda machen zu dürfen, hat ihm geholfen, über die Klippe hinwegzukommen.

Die deutsch sprechenden Bühnen werden sicher lange brauchen, einen Entertainer seines Ranges aus dem Ausland wieder importieren zu können.

Wir Deutschen haben seinesgleichen ja noch nie hervorgebracht.

 

"DER DOPPELAGENT VON CHARME, IRONIE UND VERGESSEN" von Dieter Bartetzko, Frankfurter Allgemeine, 27.12.2011

Seine letzten Auftritte ließen schaudern. Nicht, weil ein zerbrechlicher Hundertjähriger sich tastend auf der Bühne bewegte. Schaudern machte die Würde dieses Greises, die Entrücktheit eines Mannes, der eine versunkene Welt verkörperte. Was spielte es da für eine Rolle, dass Johannes Heesters ein ehrfurchtgebietender Teiresias schien, man ihn aber meistens nur als Franz Josef aus der Plüschkiste einsetzte? Sein Erscheinen löschte alle Rollenspiele aus und setzte die Schicksale unserer Eltern, Groß- und Urgroßeltern an ihre Stelle. Ein Zeitalter sandte den letzten Zeugen.

Einen Regisseur wie Bob Wilson, dem wir den bewegenden Lear der greisen Marianne Hoppe verdanken, fand Johannes Heesters nicht. Dabei hätte er Shakespeares Wahnsinnskönig ähnlich bezwingend darstellen können. Denn hinter dem schwerelosen Charme des ewigen Grandsigneurs, als der Heesters ins allgemeine Gedächtnis eingeschrieben ist, steckte ein hart arbeitender Verwandlungskünstler - wie sehr, das hält eine vor einigen Jahren entstandene Fernsehdokumentation fest. Sie zeigt ihn bei den Proben für eine belanglose Boulevardkomödie. „So kann ich nicht arbeiten“, faucht Heesters über die Textschwäche eines jungen Kollegen, bei dem er sich kurz darauf entschuldigt. Man darf sicher sein, dass sich der Betroffene keinen Patzer mehr leistete. Den Lear hat man Heesters übrigens in Wien doch einmal angeboten. Aber er, Perfektionist und geradezu demütiger Bewunderer der Dichtkunst, lehnte wegen seines, wie er meinte, störenden niederländischen Akzents ab. Dafür brillierte der Dreiundachtzigjährige, schonungslos auch den eigenen körperlichen Verfall einbeziehend, 1986 in Karl Gassauers „Casanova auf Schloss Dux“ als schäbig vergreister Verführer zwischen Eitelkeit und Selbstekel.

So setzte er fort, was 1948 im Theater in der Josefstadt mit seinem Durchbruch als Charakterdarsteller in John Van Drutens „Lied der Taube“ begonnen hatte. Auch musikalisch verließ Heesters sich nicht auf die Erfolgsgarantie des ewigen Bonvivant, sondern suchte mit wachsendem Alter schwierigere Aufgaben. Mit 73 Jahren zum Beispiel überraschte er 1976 als desillusionierter Lebemann in Frederick Loewes Musical „Gigi“ so manchen treuen Fan, der eine x-te Variante des Grafen Danilo erwartet hatte - womit nicht das Geringste gegen Heesters’ Paraderolle in Lehárs „Die lustige Witwe“ gesagt ist. Wie oft er sein legendär schlawinerndes „Heut geh’ ich ins Maxim“ gesungen hat, ist nicht zu zählen. Fest steht, dass ihn allein im Berliner Admiralspalast zwischen 1939 und 1941 fast eine halbe Million Zuschauer dafür bejubelt hat. Der Rekord markiert auch jenen Makel, der ihm bis an sein Lebensende anhaftete: der Aufstieg im „Dritten Reich“. Wäre es nur darum gegangen, dass der im niederländischen Amersfoort geborene katholische Kaufmannssohn, der Pfarrer hatte werden wollen, aber auf väterliches Drängen eine Banklehre absolvierte, ehe er sich zum Sänger und Schauspieler ausbilden ließ, von 1934 bis 1944 Triumphe im nationalsozialistischen Deutschland feierte, man hätte ihm das mit der Zeit nachgesehen wie einem Heinz Rühmann oder einer Zarah Leander. Doch dass er 1941 als Ensemblemitglied des Münchner Gärtnerplatztheaters das Konzentrationslager Dachau besichtigt und dort womöglich gesungen hat, das war zu viel: Die Niederlande, zuvor schon distanziert, nannten ihn 1976, als ein Zeitungsartikel den Besuch aufdeckte, einen gewissenlosen Kollaborateur. Deutschland schwankte zwischen Betretenheit und Häme. „Man wusste immer so viel, dass man es vorzog, nicht mehr wissen zu wollen“: J.P. Sterns Schlüsselformel zum Nichtwissen und Mitläufertum so vieler Deutscher trifft auch auf Johannes Heesters zu, der nach 1976 häufig seine damalige Ahnungslosigkeit beteuerte. So wurde er in Gemütsdingen, was die Schriftsteller Ernst Jünger oder Gottfried Benn auf geistigem Gebiet für die Traumata der deutschen Vergangenheit sind.

Noch 1938 ging Johannes Heesters mit einem Ensemble jüdischer Emigranten auf Tournee durch die Niederlande. 1940 nahm ihn das NS-Regime in eine mehrwöchige „Schutzhaft“. So mag eine Mischung aus Existenzangst, Karriere-Sog, strategischer Ahnungslosigkeit und blinder Hoffnung auf ein „Ende des Spuks“ den Menschen Heesters dazu bewogen haben, sich an das fatale „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ zu klammern. Als Künstler aber unterminierte dieser Mann die Fundamente der braunen Weltsicht: Seine glänzenden Fräcke und Seidenschals überstrahlten das Uniformlametta der braunen Bonzen, seine geschmeidigen Bewegungen spotteten des zackigen Gehabes der NS-Chargen, sein schmelzender Gesang und seine gewandte, ironieunterfütterte Sprechweise entlarvten ihr Belfern. Er, den das deutsche Publikum anhimmelnd und schulterklopfend zugleich „Jopie“ nannte, war der Zivilist schlechthin, Weltbürger statt Volksgenosse, verlor sich in Frauenarmen statt in Bataillonen, bewies, dass der Rausch, ob im Maxim oder der Eckkneipe, jedem ideologischen Massenbesäufnis in Arenen und Weihehallen vorzuziehen war.

Der Vergleich zwischen der lässigen Eleganz, mit der Heesters in Revuefilmen wie „Nanon“ (1938), „Hallo Janine“ (1939) oder „Jenny und der Herr im Frack“ (1941) sich auf Showtreppen bewegt, und dem Roboterschritt Hitlers auf den Stufengebirgen des Reichsparteitagsgeländes erhellt, weshalb Goebbels Heesters’ „verdammten Charme“ hasste, besonders seit dessen Film „Illusion“ (1941), in dem Heesters einen melancholisch resignierenden Liebhaber spielt. Dabei griff er auf seine frühen Jahre in Den Haag, Rotterdam und Brüssel zurück, wo er in Klassikern des Sprechtheaters geglänzt hatte, ehe 1923 eine Gesangseinlage in Strindbergs „Traumspiel“ die Weichen zur Operette gestellt hatte. Der anfänglichen Balance zwischen Schauspieler und Sänger verdankte Heesters seine phänomenale Gesangstechnik, die es ihm ermöglichte, auch schwierige Partien bezwingend natürlich, fast als spräche er, zu bewältigen. Mit dieser Leichtigkeit sang er 1937 sein „Man müsste Klavier spielen können“ zum Schlager-Evergreen - umso mehr, als „man müsste“, die Standardformel all derer, die sich seit 1933 fügten, ihn gleichsam zum Doppelagenten machte, der das Stillhalten förderte und es zugleich unterminierte, wenn er in Wunschkonzerten vorführte, wie es sein könnte, wäre nicht Krieg.

Man müsste: Wie die mentalen Irrwege des Dritten Reichs spiegelt Heesters’ Karriere auch die deutsche Entwicklung vom Wirtschaftswunderland mit zerstreuungssüchtigem Minderwertigkeitskomplex zur gereiften Republik mit Lust an gehobener Unterhaltung. Nach 1945 agierte er zunächst in notorisch munteren Operetten, wagte 1957 in „Bel Ami“ schon einige bittere Töne, war dann 1982 neben Carl-Heinz Schroth in Neil Simons „Sonnyboys“ ein galliger, egozentrischer Ex-Komödiant, zog 1996 in Curth Flatows für ihn geschriebener schwarzer Komödie „Ein gesegnetes Alter“ alle Register, und absolvierte 2009, im Alter von 105 Jahren, mit Anstand die Rolle des Gottvater in Hofmannsthals „Jedermann“. Das war ein Jahr nachdem er, den das biblische Alter längst allem Irdischen enthoben zu haben schien, noch einmal von seiner Vergangenheit eingeholt worden war: Im Februar 2008 hatte Johannes Heesters, von hundert Demonstranten als „singender Nazi“ empfangen, mit einem Konzert in seiner Geburtsstadt Amersfoort Frieden mit den Niederländern schließen wollen. Im Dezember des selben Jahres interviewten ihn Journalisten der holländischen Fernseh-Satirereihe „Die Schakale“. Gedankenversunken antwortete Heesters auf Fangfragen wie in Trance. Er habe Hitler wenig gekannt, dieser sei „kein guter Mann“ gewesen, aber „für mich war er nett.“ Flüssig, doch nie perfekt Deutsch sprechend, könnte Heesters damit holländischem Duktus gemäß „aber zu mir war er nett“ gemeint haben. Die Journalisten wählten die bösartige Deutung und legten ihm ein Hitler-Lob in den Mund. Das dem Mann, der 1976 öffentlich gesagt hatte, was viele, weit mehr verstrickte seiner Kollegen nie über die Lippen gebracht hatten: „Ich schämte mich und habe bis heute nicht aufgehört, mich zu schämen.“

„Was spiele ich als nächstes?“, fragte Heesters bis in seine letzten Lebenstage. Bewundernd beobachtete man dieses Person gewordene Phänomen der Schauspielkunst und ihres Ethos. Doch was jenseits aller Irrungen und Wirrungen seines Lebens und der Epochen, die es umspannte, sein Erscheinen ergreifend machte, sagen die Worte des greisen Dieners Firs, mit denen Tschechows „Kirschgarten“ endet. 2002, im Münchner Metropoltheater, erschütterte Heesters das Publikum mit ihnen: „Das Leben ist vorbei, als hättest du es gar nicht gelebt. Ich leg mich ein Weilchen hin.“ Wie Teiresias hat Johannes Heesters sieben Leben gelebt. Für uns und wie wir.

Quelle: F.A.Z.