Pressestimmen zum Tod von Johannes Heesters:
Rolf Hochhuth: REQIUEM AUF JOHANNES HEESTERS, BZ 27.12.2011
Heesters – ein Mensch und ein Jahrhundert. So nennt seine
2. Frau, Simone Rethel-Heesters, den albumschweren Bildband im
Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, den sie vor wenigen Jahren
ihrem Mann gewidmet hat, betextet von Beatrix Ross – heute
ein Erinnerungswerk ersten Ranges! Könnte man den Wert eines
Lebens daran messen – vielleicht sollte man das! –
wie viel Freude für Mitmenschen von ihm ausging, dann war
Johannes Heesters, der 108 wurde, der Einzigartige, der nie von
anderen erreichte Weltmeister. Noch 2010 vermochte der große
Holländer in meinem Musical „Inselkomödie“
den König im Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm so zu verkörpern,
dass die Besucher sehr gerührt waren, als Heesters seine
traurige Elegie auf das Altern sprach...
Gab es überhaupt je einen Film- und Bühnenstar, dem
geglückt wäre, noch mit 107 auf der Bühne zu stehen?
Ich weiß von keinem.
Heesters hat mehr als 1600 Mal in Franz Lehárs nie totzukriegender
„Lustige Witwe“ den Grafen Danilo gespielt. Erstmals
1938, zum letzen Mal 1972. Dass auch Hitler einige dieser Vorstellungen
besuchte – wie vermutlich jeder musikliebende Berliner –
wurde nach 1945 Heesters vor allem in seinem niederländischen
Vaterland auf geradezu idiotische Weise „angekreidet“
; ja in seiner Heimat jahrelang mit Auftrittsverbot bestraft –
so albern, als würde man den Wagners in Bayreuth das Festspielhaus
zugemacht haben, weil Hitler dorthin jedes Jahr zu den Festspielen
fuhr. Ebenso hing man Heesters geradezu als Kriegsverbrechen an,
dass er angeblich einmal im KZ Dachau gesungen hätte, was
bis heute nicht bewiesen werden konnte. Die Generation der Enkel,
stets glückverdummt, weil niemals solchen Anfechtungen ausgesetzt,
urteilt fahrlässig, weil meist ohne jede Kenntnis, welchen
Gefahren sich z.B. Heesters, wie alle prominenten Zeitgenossen,
einer Diktatur ausgesetzt hätte, würde er sich seiner
Benutzung durch das Verbrecher-Regime erwehrt haben. Wie hätte
Heesters eine Weigerung, auch vor Hitler aufzutreten, begründen
sollen – ohne am nächsten Tag in Dachau als Häftling
eingeliefert zu werden? Doch so war das immer in der Geschichte:
Niemals selber in Versuchung geratene Generationen, wenn die überhaupt
noch an das denken, was Vätern in Kriegen zugestoßen
ist, verurteilen sie mit der Selbstgerechtigkeit der total Ahnungslosen.
Heesters war moralisch einwandfrei, vielleicht treu sogar als
Ehemann, trotz größter Versuchungen. Vor allem aber
auch politisch nicht käuflich, obgleich er sein Vermögen
in Deutschland machte. Es ist kein Satz von ihm überliefert,
den Hitlers Propaganda-Trompeter Goebbels als Nazi-Reklame hätte
missbrauchen können! Das ist sehr viel – als Beweis
für die Integrität dieses Weltstars. Ich vermute, allein
Heesters Ausrede, als holländischer Bürger und Untertan
der Königin Wilhelmine, nicht deutsche Propaganda machen
zu dürfen, hat ihm geholfen, über die Klippe hinwegzukommen.
Die deutsch sprechenden Bühnen werden sicher lange brauchen,
einen Entertainer seines Ranges aus dem Ausland wieder importieren
zu können.
Wir Deutschen haben seinesgleichen ja noch nie hervorgebracht.
"DER DOPPELAGENT VON CHARME, IRONIE UND VERGESSEN"
von Dieter Bartetzko, Frankfurter Allgemeine, 27.12.2011
Seine letzten Auftritte ließen schaudern. Nicht, weil ein
zerbrechlicher Hundertjähriger sich tastend auf der Bühne
bewegte. Schaudern machte die Würde dieses Greises, die Entrücktheit
eines Mannes, der eine versunkene Welt verkörperte. Was spielte
es da für eine Rolle, dass Johannes Heesters ein ehrfurchtgebietender
Teiresias schien, man ihn aber meistens nur als Franz Josef aus
der Plüschkiste einsetzte? Sein Erscheinen löschte alle
Rollenspiele aus und setzte die Schicksale unserer Eltern, Groß-
und Urgroßeltern an ihre Stelle. Ein Zeitalter sandte den
letzten Zeugen.
Einen
Regisseur wie Bob Wilson, dem wir den bewegenden Lear der greisen
Marianne Hoppe verdanken, fand Johannes Heesters nicht. Dabei hätte
er Shakespeares Wahnsinnskönig ähnlich bezwingend darstellen
können. Denn hinter dem schwerelosen Charme des ewigen Grandsigneurs,
als der Heesters ins allgemeine Gedächtnis eingeschrieben ist,
steckte ein hart arbeitender Verwandlungskünstler - wie sehr,
das hält eine vor einigen Jahren entstandene Fernsehdokumentation
fest. Sie zeigt ihn bei den Proben für eine belanglose Boulevardkomödie.
„So kann ich nicht arbeiten“, faucht Heesters über
die Textschwäche eines jungen Kollegen, bei dem er sich kurz
darauf entschuldigt. Man darf sicher sein, dass sich der Betroffene
keinen Patzer mehr leistete. Den
Lear hat man Heesters übrigens in Wien doch einmal angeboten.
Aber er, Perfektionist und geradezu demütiger Bewunderer der
Dichtkunst, lehnte wegen seines, wie er meinte, störenden niederländischen
Akzents ab. Dafür brillierte der Dreiundachtzigjährige,
schonungslos auch den eigenen körperlichen Verfall einbeziehend,
1986 in Karl Gassauers „Casanova auf Schloss Dux“ als
schäbig vergreister Verführer zwischen Eitelkeit und Selbstekel.
So
setzte er fort, was 1948 im Theater in der Josefstadt mit seinem
Durchbruch als Charakterdarsteller in John Van Drutens „Lied
der Taube“ begonnen hatte. Auch musikalisch verließ
Heesters sich nicht auf die Erfolgsgarantie des ewigen Bonvivant,
sondern suchte mit wachsendem Alter schwierigere Aufgaben. Mit 73
Jahren zum Beispiel überraschte er 1976 als desillusionierter
Lebemann in Frederick Loewes Musical „Gigi“ so manchen
treuen Fan, der eine x-te Variante des Grafen Danilo erwartet hatte
- womit nicht das Geringste gegen Heesters’ Paraderolle in
Lehárs „Die lustige Witwe“ gesagt ist. Wie oft
er sein legendär schlawinerndes „Heut geh’ ich
ins Maxim“ gesungen hat, ist nicht zu zählen. Fest steht,
dass ihn allein im Berliner Admiralspalast zwischen 1939 und 1941
fast eine halbe Million Zuschauer dafür bejubelt hat. Der
Rekord markiert auch jenen Makel, der ihm bis an sein Lebensende
anhaftete: der Aufstieg im „Dritten Reich“. Wäre
es nur darum gegangen, dass der im niederländischen Amersfoort
geborene katholische Kaufmannssohn, der Pfarrer hatte werden wollen,
aber auf väterliches Drängen eine Banklehre absolvierte,
ehe er sich zum Sänger und Schauspieler ausbilden ließ,
von 1934 bis 1944 Triumphe im nationalsozialistischen Deutschland
feierte, man hätte ihm das mit der Zeit nachgesehen wie einem
Heinz Rühmann oder einer Zarah Leander. Doch
dass er 1941 als Ensemblemitglied des Münchner Gärtnerplatztheaters
das Konzentrationslager Dachau besichtigt und dort womöglich
gesungen hat, das war zu viel: Die Niederlande, zuvor schon distanziert,
nannten ihn 1976, als ein Zeitungsartikel den Besuch aufdeckte,
einen gewissenlosen Kollaborateur. Deutschland schwankte zwischen
Betretenheit und Häme. „Man
wusste immer so viel, dass man es vorzog, nicht mehr wissen zu wollen“:
J.P. Sterns Schlüsselformel zum Nichtwissen und Mitläufertum
so vieler Deutscher trifft auch auf Johannes Heesters zu, der nach
1976 häufig seine damalige Ahnungslosigkeit beteuerte. So wurde
er in Gemütsdingen, was die Schriftsteller Ernst Jünger
oder Gottfried Benn auf geistigem Gebiet für die Traumata der
deutschen Vergangenheit sind.
Noch
1938 ging Johannes Heesters mit einem Ensemble jüdischer Emigranten
auf Tournee durch die Niederlande. 1940 nahm ihn das NS-Regime in
eine mehrwöchige „Schutzhaft“. So mag eine Mischung
aus Existenzangst, Karriere-Sog, strategischer Ahnungslosigkeit
und blinder Hoffnung auf ein „Ende des Spuks“ den Menschen
Heesters dazu bewogen haben, sich an das fatale „Nichts sehen,
nichts hören, nichts sagen“ zu klammern. Als Künstler
aber unterminierte dieser Mann die Fundamente der braunen Weltsicht:
Seine glänzenden Fräcke und Seidenschals überstrahlten
das Uniformlametta der braunen Bonzen, seine geschmeidigen Bewegungen
spotteten des zackigen Gehabes der NS-Chargen, sein schmelzender
Gesang und seine gewandte, ironieunterfütterte Sprechweise
entlarvten ihr Belfern. Er, den das deutsche Publikum anhimmelnd
und schulterklopfend zugleich „Jopie“ nannte, war der
Zivilist schlechthin, Weltbürger statt Volksgenosse, verlor
sich in Frauenarmen statt in Bataillonen, bewies, dass der Rausch,
ob im Maxim oder der Eckkneipe, jedem ideologischen Massenbesäufnis
in Arenen und Weihehallen vorzuziehen war.
Der
Vergleich zwischen der lässigen Eleganz, mit der Heesters in
Revuefilmen wie „Nanon“ (1938), „Hallo Janine“
(1939) oder „Jenny und der Herr im Frack“ (1941) sich
auf Showtreppen bewegt, und dem Roboterschritt Hitlers auf den Stufengebirgen
des Reichsparteitagsgeländes erhellt, weshalb Goebbels Heesters’
„verdammten Charme“ hasste, besonders seit dessen Film
„Illusion“ (1941), in dem Heesters einen melancholisch
resignierenden Liebhaber spielt. Dabei griff er auf seine frühen
Jahre in Den Haag, Rotterdam und Brüssel zurück, wo er
in Klassikern des Sprechtheaters geglänzt hatte, ehe 1923 eine
Gesangseinlage in Strindbergs „Traumspiel“ die Weichen
zur Operette gestellt hatte. Der
anfänglichen Balance zwischen Schauspieler und Sänger
verdankte Heesters seine phänomenale Gesangstechnik, die es
ihm ermöglichte, auch schwierige Partien bezwingend natürlich,
fast als spräche er, zu bewältigen. Mit dieser Leichtigkeit
sang er 1937 sein „Man müsste Klavier spielen können“
zum Schlager-Evergreen - umso mehr, als „man müsste“,
die Standardformel all derer, die sich seit 1933 fügten, ihn
gleichsam zum Doppelagenten machte, der das Stillhalten förderte
und es zugleich unterminierte, wenn er in Wunschkonzerten vorführte,
wie es sein könnte, wäre nicht Krieg.
Man
müsste: Wie die mentalen Irrwege des Dritten Reichs spiegelt
Heesters’ Karriere auch die deutsche Entwicklung vom Wirtschaftswunderland
mit zerstreuungssüchtigem Minderwertigkeitskomplex zur gereiften
Republik mit Lust an gehobener Unterhaltung. Nach 1945 agierte er
zunächst in notorisch munteren Operetten, wagte 1957 in „Bel
Ami“ schon einige bittere Töne, war dann 1982 neben Carl-Heinz
Schroth in Neil Simons „Sonnyboys“ ein galliger, egozentrischer
Ex-Komödiant, zog 1996 in Curth Flatows für ihn geschriebener
schwarzer Komödie „Ein gesegnetes Alter“ alle Register,
und absolvierte 2009, im Alter von 105 Jahren, mit Anstand die Rolle
des Gottvater in Hofmannsthals „Jedermann“. Das
war ein Jahr nachdem er, den das biblische Alter längst allem
Irdischen enthoben zu haben schien, noch einmal von seiner Vergangenheit
eingeholt worden war: Im Februar 2008 hatte Johannes Heesters, von
hundert Demonstranten als „singender Nazi“ empfangen,
mit einem Konzert in seiner Geburtsstadt Amersfoort Frieden mit
den Niederländern schließen wollen. Im Dezember des selben
Jahres interviewten ihn Journalisten der holländischen Fernseh-Satirereihe
„Die Schakale“. Gedankenversunken antwortete Heesters
auf Fangfragen wie in Trance. Er habe Hitler wenig gekannt, dieser
sei „kein guter Mann“ gewesen, aber „für
mich war er nett.“ Flüssig, doch nie perfekt Deutsch
sprechend, könnte Heesters damit holländischem Duktus
gemäß „aber zu mir war er nett“ gemeint haben.
Die Journalisten wählten die bösartige Deutung und legten
ihm ein Hitler-Lob in den Mund. Das dem Mann, der 1976 öffentlich
gesagt hatte, was viele, weit mehr verstrickte seiner Kollegen nie
über die Lippen gebracht hatten: „Ich schämte mich
und habe bis heute nicht aufgehört, mich zu schämen.“
„Was
spiele ich als nächstes?“, fragte Heesters bis in seine
letzten Lebenstage. Bewundernd beobachtete man dieses Person gewordene
Phänomen der Schauspielkunst und ihres Ethos. Doch was jenseits
aller Irrungen und Wirrungen seines Lebens und der Epochen, die
es umspannte, sein Erscheinen ergreifend machte, sagen die Worte
des greisen Dieners Firs, mit denen Tschechows „Kirschgarten“
endet. 2002, im Münchner Metropoltheater, erschütterte
Heesters das Publikum mit ihnen: „Das Leben ist vorbei, als
hättest du es gar nicht gelebt. Ich leg mich ein Weilchen hin.“
Wie Teiresias hat Johannes Heesters sieben Leben gelebt. Für
uns und wie wir.
Quelle:
F.A.Z.
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